Der Vampir


Mein liebes Mägdchen glaubet
Beständig steif und feste,
An die gegebnen Lehren
Der immer frommen Mutter;
Als Völker an der Theyse
An tödtliche Vampiere
Heyduckisch feste glauben.
Nun warte nur Christianchen,
Du willst mich gar nicht lieben;
Ich will mich an dir rächen,
Und heute in Tockayer
Zu einem Vampir trinken.
Und wenn du sanfte schlummerst,
Von deinen schönen Wangen
Den frischen Purpur saugen.
Alsdenn wirst du erschrecken,
Wenn ich dich werde küssen
Und als ein Vampir küssen:
Wenn du dann recht erzitterst
Und matt in meine Arme,
Gleich einer Todten sinkest
Alsdenn will ich dich fragen,
Sind meine Lehren besser,
Als deiner guten Mutter?

 

Heinrich August Ossenfelder. Der Naturforscher. Achtundvierzigstes Stück. Leipzig, Sonnabend, den 25. des Mays, 1748. S. 380f.

Auftragsarbeit. Der Naturforscher veröffentlichte naturwissenschaftliche Abhandlungen, oft gefolgt von Gedichten zu dem entsprechenden Thema.